Gespräche II

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Fragesteller: Sie sagen, dass Sie keine persönliche Geschichte haben aber offensichtlich sind Sie geboren worden, haben bestimmt eine Schule besucht und so weiter. Was meinen Sie also damit, dass Sie keine Geschichte haben – dass Sie die Vergangenheit sozusagen „hinter sich gelassen haben“? 

Der Sprecher: Der Sprecher sagt von sich selbst, dass er keine Geschichte hat. Was ist aus Ihrer Sicht die Geschichte?

Fragesteller: Die Vergangenheit, die uns im Heute ausmacht.

Der Sprecher: Sie sagen, dass die Vergangenheit das ist, was uns heute ausmacht. Wenn Sie heute das sind, was Sie früher waren, dann sind Sie auch in Zukunft das, was Sie heute sind. Können Sie dem zustimmen?

Fragesteller: Das kann ich nicht nachvollziehen. Wir lernen ja ständig dazu und befinden uns nicht im „Stillstand“ und dann sind da noch die vielen traumatischen Erfahrungen, die wir wohl alle immer wieder erleben.

Der Sprecher: Dieses Dazulernen, von dem Sie sprechen, bezieht sich offensichtlich auf den Erwerb von Wissen. Sie benötigen Zeit, um einen bestimmten akademischen Grad zu erwerben oder um mit dem Auto von hier nach dort zu fahren. Gibt es etwas, das außerhalb der Zeit stattfindet?

Fragesteller: Alles findet innerhalb der Zeit statt.

Der Sprecher: Bitte nicht so schnell – das ist eine Behauptung und keine Feststellung. Beobachten Sie sich selbst in Ihrer Eigenwahrnehmung. Ist diese Wahrnehmung an Zeit gebunden?

Fragesteller: Ich verstehe nicht, was Sie mit „Eigenwahrnehmung“ meinen.

Der Sprecher: Das ist ein schönes Beispiel. Sie suchen nun, mit Hilfe des Denkens, eine Lösung. Das ist eine Reaktion. Das Denken strebt immer nach einer Lösung und erfindet dadurch alle menschlichen Probleme, da das Denken an sich immer unvollständig bleiben muss. Dieses Suchen findet in der Zeit statt. Wenn Sie aber einsehen, dass Sie keine Lösung finden können, was passiert dann?

Fragesteller: Wenn ich wirklich keine Lösung finde, dann tue ich gar nichts, denn es gibt dann nichts zu tun.

Der Sprecher: Das Suchen kommt also zu einem Ende.

Fragesteller: Das habe ich verstanden.

Der Sprecher: Wenn also das Suchen zu einem Ende kommt, findet auch kein Prozess mehr in der Zeit statt, weil das zeitgebundene Denken aufgehört hat, können Sie das erkennen?

Fragesteller: Ich glaube, ja.

Der Sprecher: Dann bleiben Sie dabei. Die Vergangenheit zu sehen, ohne eine Lösung für den Schmerz, den man Ihnen angetan hat zu suchen, befreit von der Vergangenheit. Dann ist Ihre Zukunft jetzt. Wollen wir das Gespräch an dieser Stelle beenden?

Fragesteller: Ja, vielen Dank!

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