Stille Betrachtungen: Der Vogel

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Es war der heißeste Sommer seit Jahren und du schautest der Amsel dabei zu, wie sie Beeren pflückte. Du warst hinter der weitläufigen Glastür und da diese geschlossen blieb, rechnete auch die Amsel nicht damit, dass du ihr zu nahe kommen würdest. Direkt neben dem fleißigen Weibchen lag ihr toter Freund. Wenige Tage vorher hatten die beiden noch im Baum gespielt und sich gegenseitig Beeren vom Strauch geschenkt – nun lag der leblose Körper des Männchens im halbhohen Gras und das Weibchen blieb allein zurück. Es hatte keine Wahl und musste weiter Beeren sammeln, sonst würde es auch bald tot auf der Wiese liegen.

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Freiheit ist jetzt

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Freiheit ist jetzt

Während des Sonnenuntergangs warst du plötzlich eins mit dem leuchtenden Baum vor dem Fenster und den schimmernden Pflanzen auf dem Balkon. Nicht dass du dich in eine Pflanze verwandelt hättest aber zwischen dir und allem anderen bestand kein Unterschied mehr.

Wenn wir unterscheiden, findet immer eine Bewertung statt und das verhindert Freiheit. Freiheit kommt zuerst und besteht nicht darin, dies oder jenes nicht tun zu müssen oder jederzeit bleiben oder gehen zu können. Freiheit bedeutet Freiheit vom „Ich“ und damit von der Vergangenheit. Wenn unser Leben nur aus Reaktion besteht, dauert die Vergangenheit ewig an, denn jede Reaktion entstammt der gespeicherten Erinnerung des Gedächtnisses. Ganz gegenwärtig da sein, darin liegt die erste und letzte Freiheit. Deshalb muss Freiheit zuerst da sein, denn dann hinterlassen die beachteten Reaktionen keine gespeicherten Erinnerungen mehr. Dann gibt es nur noch „jetzt“.

Ein putziger Maikäfer schwirrte vor dir herum, denn er wollte auch beachtet werden. Und so warst du auch der Maikäfer.

Liebe kennt kein Gegenteil

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Liebe kennt kein Gegenteil

Es war Frühling und wie immer um diese Zeit war das Leben sehr stark konzentriert. Ein einzelner Spatz blieb ganz mutig im lichten Gestrüpp sitzen, als du vorüber gingst. Du warst alleine zuhause und draußen verursachten die Menschen mit ihren Maschinen einen Lärmpegel, der für den Körper nur schwer zu ertragen war. Plötzlich durchdrang ein Vogel mit seinem Lied den Lärm und darin lag große Schönheit. Niemand sonst schien den kleinen Kerl zu bemerken doch zum Glück nahm er das nicht persönlich und so trällerte er fröhlich weiter vor sich hin – nur für sich und dich.

Wir können das Schöne nicht vom Hässlichen trennen, denn alles, was ein Gegenteil begründet, enthält doch selbst einen Teil seines Gegenteils. In unserer Suche nach materieller und psychologischer Sicherheit richten wir unvorstellbares Leid und Chaos an, wenn wir eine ungewisse Zukunft erzwingen wollen und dabei die lebendige Gegenwart missachten. In unseren Familien nennen wir das für gewöhnlich Liebe. An diese sogenannte Liebe knüpfen wir Bedingungen doch Liebe kennt weder Bedingungen noch ein Gegenteil. Nur wenn Bedingungen und Gegenteil augenblicklich enden, ist die Liebe da. Deshalb kennen wir Menschen die Liebe nicht.

Die Farben

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Die Farben

Sie kam erneut zu dir und ihre Verwirrung war noch größer als zuletzt. Zuletzt hatte sie behauptet, in dich verliebt zu sein und nun sprach sie davon, dass du nur mit ihrer Hilfe die Farben sehen könntest.

Mit verschiedenen Formen der Gewalt hatte sie schon versucht, dich für ihre Neigungen zu gebrauchen; darunter Glauben, Geschenke & Geld. Ihr Mann – den sie nicht liebte aber brauchte – war nur wenige Meter entfernt und bekam von dieser Komödie nichts mit.

Sie selbst bemerkte nicht einmal, dass du gar nicht mehr da warst und als sie schließlich ging, hinterließ sie keine Spur. Weil du auch später nicht da warst, waren die Farben da – so wie immer wenn du nicht da bist.

Die schlechte Nachricht

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Die schlechte Nachricht

Während eines geschäftlichen Gesprächs erhielt er die schlechte Nachricht. Ganz entgegen seinem üblichen Auftreten fing er an zu weinen und war kurz darauf derart erstarrt, dass du an ihm keinerlei Atembewegungen mehr erkennen konntest.

Trotz der ernsten Nachricht entbehrte das Geschehen nicht einer gewissen Komik, sodass du dir ein Lachen verkneifen musstest.

Der ganze Raum war plötzlich von einer zwingenden Lebendigkeit erfüllt. Die anderen konnten es nicht spüren, denn die Nachricht hatte ihre eigenen Ängste berührt und damit ihre jeweils bedingten Abwehrmechanismen – bei jedem nach persönlichem Glauben und Geschmack – aktiviert.

Wo Angst ist, kann das Neue nicht aufblühen. Das Neue kommt aus dem Absterben des Ich in jedem Moment; denn dann hat sich die Vergangenheit nie ereignet. Weinen aus Angst um sich selbst erzeugt neues Leid und verhindert Mitleid.

Es war ein wunderschöner Tag mit herrlichem Sonnenschein. Einer der ersten hellen Tage in diesem Jahr und vor der Glasfront besorgte emsiges Rotkehlchen – von den anderen völlig ignoriert – sein Tagesgeschäft.

Gespräche II

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Fragesteller: Sie sagen, dass Sie keine persönliche Geschichte haben aber offensichtlich sind Sie geboren worden, haben bestimmt eine Schule besucht und so weiter. Was meinen Sie also damit, dass Sie keine Geschichte haben – dass Sie die Vergangenheit sozusagen „hinter sich gelassen haben“? 

Der Sprecher: Der Sprecher sagt von sich selbst, dass er keine Geschichte hat. Was ist aus Ihrer Sicht die Geschichte?

Fragesteller: Die Vergangenheit, die uns im Heute ausmacht.

Der Sprecher: Sie sagen, dass die Vergangenheit das ist, was uns heute ausmacht. Wenn Sie heute das sind, was Sie früher waren, dann sind Sie auch in Zukunft das, was Sie heute sind. Können Sie dem zustimmen?

Fragesteller: Das kann ich nicht nachvollziehen. Wir lernen ja ständig dazu und befinden uns nicht im „Stillstand“ und dann sind da noch die vielen traumatischen Erfahrungen, die wir wohl alle immer wieder erleben.

Der Sprecher: Dieses Dazulernen, von dem Sie sprechen, bezieht sich offensichtlich auf den Erwerb von Wissen. Sie benötigen Zeit, um einen bestimmten akademischen Grad zu erwerben oder um mit dem Auto von hier nach dort zu fahren. Gibt es etwas, das außerhalb der Zeit stattfindet?

Fragesteller: Alles findet innerhalb der Zeit statt.

Der Sprecher: Bitte nicht so schnell – das ist eine Behauptung und keine Feststellung. Beobachten Sie sich selbst in Ihrer Eigenwahrnehmung. Ist diese Wahrnehmung an Zeit gebunden?

Fragesteller: Ich verstehe nicht, was Sie mit „Eigenwahrnehmung“ meinen.

Der Sprecher: Das ist ein schönes Beispiel. Sie suchen nun, mit Hilfe des Denkens, eine Lösung. Das ist eine Reaktion. Das Denken strebt immer nach einer Lösung und erfindet dadurch alle menschlichen Probleme, da das Denken an sich immer unvollständig bleiben muss. Dieses Suchen findet in der Zeit statt. Wenn Sie aber einsehen, dass Sie keine Lösung finden können, was passiert dann?

Fragesteller: Wenn ich wirklich keine Lösung finde, dann tue ich gar nichts, denn es gibt dann nichts zu tun.

Der Sprecher: Das Suchen kommt also zu einem Ende.

Fragesteller: Das habe ich verstanden.

Der Sprecher: Wenn also das Suchen zu einem Ende kommt, findet auch kein Prozess mehr in der Zeit statt, weil das zeitgebundene Denken aufgehört hat, können Sie das erkennen?

Fragesteller: Ich glaube, ja.

Der Sprecher: Dann bleiben Sie dabei. Die Vergangenheit zu sehen, ohne eine Lösung für den Schmerz, den man Ihnen angetan hat zu suchen, befreit von der Vergangenheit. Dann ist Ihre Zukunft jetzt. Wollen wir das Gespräch an dieser Stelle beenden?

Fragesteller: Ja, vielen Dank!